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NESTPUTZER BLOG

2014 /15/16

http://www.nestputzer.ch

s.a. "Archiv"

ältere Blogtexte (2012-15) sind hier zu finden:

http://www.issuu.com

>> "Nestputzer4"

 http;//www.erwe-verlag.ch

>> "Nestputzer 5"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nestputzer Blog 2017

Nestputzer heisst mein blog, weil es vögel (auch menschen) gibt, die so was können und auch tun. Ich verstehe es als symbol für meine kritische haltung gegenüber politik, menschenrechtsverletzungen, menschenverachtung, bestechlichkeit, verstösse gegen die gleichberechtigung von frau und mann, umweltsünden, industrialisierung der tierhaltung, gedankenlosigkeit, religionen, geiz und arroganz der reichen, etc.

www.rweiler.ch

Blog (2017)

www.nestputzer.ch 

Blog-Archiv (2015/2016)

 


 


 

Peaches

 

Peaches are among my all-time favourite fruits (well then: pears, cherries, pineapple, kaki, oranges, grapefruit, grapes, kiwi) and of course there are several memories attached to peaches as such.

As a teenager I was hitchhiking in Italy with my later wife and on the way back we were picked up by an Italian truck with a load of peaches to be transported to Switzerland. So we could just stretch our arms and grasp the tasty fruits which were right behind our backs. Needless to say we munched dozens of them! Peaches are even delicous when canned! Mum however preserved huge glasses filled with peaches, they assumed a golden colour and with whipped cream or just like that they are among the best things you can taste!

Once we were invited to a festa campestre in Ticino and after a barbecue grill that was about 1m tall and a dozen meters long, there was pesce all vino which is peaches matured in a wine sauce. After guzzling lots of Merlot wine this dessert really knocked you out completely and most people just fell asleep in the meadows overlooking a lake and the lower territories of Ticino.

Nowadays there are nectarines and the original peaches as well as two different types of each: round or flat. The flat variety somehow has preserved the original old flavour of peaches. I eat all four varieties indiscriminately.

 

23.7.2017

 


 

Serendipität

 

                                                  „Wer sucht, der findet... etwas anderes“

 

Wir sind alle Suchende, was lebt, sucht nach etwas. Wie durch einen bösen  Zauber verhext, finden wir aber in der Realität nur in seltenen Fällen genau das, was wir gesucht haben. Wir suchen in einem Lebenspartner gewisse Eigenschaften und die Erfüllung von Traumgebilden. Was wir finden kann dem gar nicht einfach so entsprechen, denn es ist ja unsere eigene Vorstellung von Glück, die wir bei anderen doch nicht einfach so voraussetzen können. Das wäre naiv.

Wer Lyrik schreibt kann sich gewissen Zwängen unterwerfen (Reim, Metrum, Musikalität) und merkt dann beim Schreiben, dass etwas ganz anderes herauskommt, als man sich das gedacht hätte. Es ist auch eine Fähigkeit der Musen, den verzweifelt Dichtenden neue Wege aufzuzeigen, so dass der Text am Schluss stimmt, durch sanften Druck oder harten Zwang aus den unendlich vielen Möglichkeiten die passenden herauszusuchen.

Wir suchen uns eine Beschäftigung, sind aber nur wenig über die Gegebenheiten und Rahmenbedingungen dieser Arbeit im Bilde. Unsere vage Vorstellung ist    sehr subjektiv geprägt, die Realität ist dann oft eine ernüchternd andere.                                                                                                                                                Durch die immediate Präsentation von enorm vielen Resultaten bei einer Suchmaschinen-Anfrage sind wir extrem überfordert. Die Maschine entscheidet über die Relevanz der Ergebnisse, nicht wir selbst. Ergo muss die ausgesuchte Information serendipitär sein. Und wenn wir schon beim Internet sind, dann finden wir dort zunächst einmal Werbung, also etwas, das wir überhaupt nicht gesucht haben: eine sehr häufige Erfahrung von Serendipität.

Sind wir zum Beispiel auf der Suche nach einer Lampe, finden wir z.B. 3000 Objekte. Wir suchten ein Objekt, bekommen aber eine grosse Anzahl. Nicht das Gesuchte! Mühsam suchen wir dann selbst das uns zusagende Element heraus. Dabei sind wir auf einer virtuellen Suche, gesucht war aber ein reales Objekt,    also finden wir wieder nicht das Gewünschte und begeben uns doch noch in       mehrere Ladenlokale, wo wir die Suche fortsetzen und dann nur mit grossem  Glück finden, was wir gesucht hatten: die passende Lampe für unseren Wohnraum!

 

25.6.2017

 


 

Die Republik—neues Medium für die Schweiz

 

Sie hat 2017 fast wie eine Bombe eingeschlagen, die Idee „Republik“. Es ist das erfolgreichste Crowdfunding überhaupt und weltweit im Bereich Journalismus,   die Bewegung hat bereits fast 14000 Mitglieder, Mit-Verlegerinnen und -Verleger oder zukünftige Abonnenten.

Constantin Seibt, ehemals Journalist bei WOZ und TagesAnzeiger und ca. ein Dutzend Zeitungsmacher wollen ab 2018 eine on-line Publikation aufgleisen.      Die „Republikaner“ (nicht im Sinne der amerikanischen „Tea-Party“, ganz im Gegenteil), haben bereits auch einige Investoren ausgemacht, die das Ganze auf eine vernünftige finanzielle Basis stellen. „Es ist Zeit für das digitale Magazin Republik“. Das neue Medium versteht sich als Rebellion gegen die etablierten Medien-Verlage.

Diese hätten kein Konzept, um die sinkenden Käufer- und Abonnentenzahlen    aufzuhalten, der Sinkflug werde sich fortsetzen, so Seibt. Und auf www.republik.ch lesen wir auch Folgendes: „Eine funktionierende Demokratie braucht funktionierende Medien“. Also ist das Nachrichten- und Politikmagazin auf dem besten Weg, neuen Journalismus zu wagen, alte Zöpfe abzuschneiden und konsequent anders zu sein als andere Medien. Skeptiker finden, es seien Vorschusslorbeeren verteilt worden, den Beweis für die Behauptung, es in vielem besser zu machen, müssten die Zeitungsmacher erst noch erbringen. Ein Mittel dazu scheint eine offensivere on-line Strategie zu sein. Ein anderes ist Seibts Hobby: unkonventionelle, frische, freche Texte., die aber gut recherchiert sein müssen. In seinem Buch Deadline: Wie man besser schreibt (2013/4) rechnet er mit den gängigen Schweizer Print-Medien ab, gibt Tips, wie Journalisten besser schreiben und was die Zukunft für Umwälzungen im Medienbereich bringen könnte: 15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert. Die grossen Verlags-Flaggschiffe sind träge geworden und haben kein Konzept für die Weiterentwicklung des Journalismus in Zukunft. Die Leser sterben ihnen weg,     die Jungen suchen sich ihre Informationen im Netz und sogar die reifere Leserschaft wird ihnen untreu. Das on-line Geschäft wächst zwar, was zu einem Umbau der Verlagsarbeit führt, aber auch da sind die bekannten Medien zu wenig innovativ. Seibt will das Publikum dort abholen, wo es halt nun mal ist, er macht Parallelen zum Erfolg der TV-Serien in den USA, deren Erfindung er als radikal neu bezeichnet und halt doch auch den Durst der Lesenden nach Geschichten zu stillen vermag.                                                                                                                      Die „Republik“ hat sich im Hotel Rothaus an der Zürcher Langstrasse eingemietet, 2018 geht’s los in eine neue Zeitungsmacher-Dimension.

 

30.5.2017

 


 

Publish or perish!

 

Friss oder stirb! So grausam ist die Realität für Schreibende eigentlich schon immer gewesen, heute noch viel stärker. Es wird so viel geschrieben, die Konkurrenz ist erdrückend. Professoren beklagten/beklagen sich immer mal wieder über den Pub-likationszwang, der für sie effektiv zu bestehen scheint.  Jeder Professor, jede Professorin war/ist verpflichtet, möglichst viel zu publizieren. Für Vieldenkerinnen und Leichtschreiber ist dies wohl weniger ein Problem. Perfektionisten und Zauderer haben es sicher schwerer. Heute ist das Publizieren auch auf dem Internet möglich.  Aber: durch die Pfründe einer Anstellung (Tenure) sind sie eh alle bestens mit einem anständigen Salär bedacht. Also jammern sie auf hohem Niveau!                                                                                                 

Wie aber ergeht es Journalisten, Prosa-Autorinnen, Lyrikern heute? Da ist es doch geradezu völlig existenziell. Es ist dabei jedoch ein endogener Publikationswunsch, nicht ein Zwang. Noch gibt es genügend Nostalgiker, die behaupten, das haptische Element des Bücher Anfassens, Blätterns und Text Herausfilterns sei ihnen unentbehrlich. Sogar Olfaktorisches wird erwähnt: „Ich muss das Buch riechen können.“ Es ist wie bei der Liebe! Noch ist es etwas umständlich, on-line Texte zu kaufen, zu lesen, aber vieles läuft schon besser als am Anfang der Digitalisierung von Literatur.

Publiziere oder sterbe, ich denke die Fragestellung könnte durch eine dritte Option erweitert werden. Wenn das Veröffentlichen Deiner Texte nicht klappt, kaufe und lies die Texte von anderen, die es geschafft haben. Sei Fan von Autoren und Lyrikerinnen, lies alle ihre Werke! Aehnlich ist es bei Musik und Kunst!

Krimi schreiben heute fast alle, einige mit durchschlagendem Erfolg. Dürrenmatt hat dies noch als Kunstform praktiziert, heute ist es ein Schielen nach Publikumsgunst, das viele Schreibtalente und Autorlehrlinge zu diesem Genre greifen sieht. Lyrik ist wohl heute das am schwierigsten zu vermarktende Produkt. Auf Facebook gibt es (daher?) seit vier Jahren die Gruppe „Arme Poeten“! Da sprudeln spontan entstandene Reimereien und Feedback ist rasch zur Stelle! Like!

 

7.5.2017

 


 

Serendipity III

 

You can't always get what you want
But if you try sometimes well you just might find
You get what you need. (Rolling Stones)

 

In the quest for a meaningful life man/woman craves, desires, looks for certain things to happen, to get possession thereof or to secure it for a later moment in life. Research in science strives to gain knowledge or by applied science wealth and renown are aimed at. It is typical to think of the and only the requested item as a fulfillment of one’s dreams. But of course there are strings attached: You never only get one object, there are side effects and consequences of achieving the blissful state of accomplishment. Or, with serendipity, you get something completely different from what you were looking for. In worst cases the opposite of it. Making plans and decisions leads to a state of expectation of the desired outcome. But our life and times are chaotic and fate (or God for believers) often decides to work things out alternatively, independent from our concepts and actions. Serendipity could then be seen as a playful character or a godlike creature who contravenes man’s schemes, his luck, happiness and opportunities. The machinations of fate, serendipity and good or evil omens are best shown and explained with experiences we all went through. But first let me look at some people we all know. The Rolling Stones in their song „You Can’t Always Get What you Want“ are doing a hedonistic hymn of instant gratification. Their fame and wealth was badly coveted and it materialized to an unimaginable degree. So there is no serendipity in their lives one might think? Condemned to play their music indefinitely, they must, however, have days when this is not what they want to do. Their numerous affairs and marriages and children were certainly desirable in their eyes, but playing a decent father’s role or becoming businessmen administering their assets may not have been what they wanted. Is it what they needed? Serendipity is nodding!

 

27.4.2017

 


 

bl r dg + b u refl = werbe/philo

 

Als Grüner (er)trägt man keine Aufdrucke auf T-Shirts. Durch Zufall bin ich doch zu einem weissen TiSchi gekommen auf dem eben „bl   r dg steht? Meine Lebens-gefährtin mag auch keine Werbeaufschriften und hänselte mich, was das solle. Ich  mochte das Rätsel nicht gleich lüften, die Eingeweihteren unter Ihnen sollten auch noch ein bisschen rätseln dürfen und ich würde das dann am Schluss erst auflösen, nachdem über den zweiten Teil der Gleichung nachgedacht und hier nachgelesen worden sein wird. Beim Waldlauf habe ich auf einem Baum „be you“ eingeritzt gesehen. Gar nicht so übel als Lebensmotto. Dann aber fehlt da doch noch was; wir könnten uns auch dies vornehmen „be yourself“, das haben doch schon viele angedacht und von sich gefordert. Ich habe dann die Message für mich so umformuliert: b u refl. Also sei dich selbst, reflexiv oder reflektiere darüber. Das haben natürlich schon viele Menschen versucht, einige haben das dann aber auch bloss als Entschuldigung für eine eigentlich katastrophale Persönlichkeitsstruktur verwendet. Und dabei müssen wir nicht nur an Hitler, Stalin und Mao denken.

Philosophen müssen sich heute Neues einfallen lassen. Wie Kant, Hegel oder Leibniz mit dem Hammer zu philosophieren, das kommt nicht mehr gut an. Nietzsche war da schon viel moderner. Philosophie ist on-line recht gut vertreten, jeder kann da Philosophisches (meist Clichées oder Geklautes) von sich geben.

Ich würde aber kein T-Shirt mit dem Konterfei eines Philosophen oder einem neunmalklugen Spruch darauf anziehen. So dringend ist es dann nicht, die denkende Disziplin zu bewerben. Nun aber zum „blrdg“. Englisch, klar, BLUE RIDGE eine Billigmarke, die etwas philosophisch daherkommt, blue ridge mountains sind etwas undeutlich im Abend- oder Morgenlicht blau schimmernde Bergzüge. Es ist eine philosophische Perspektive, die werbetechnisch sehr gut aufgestellt ist.

 

24.4.2017

 


 

 Time’s effect: Getting older

 

Wasn’t it so? When you were young, time didn’t exist, there was timelessness, few obligations, endless summer afternoons, time was irrelevant when you were at the swimming pool getting a tan, eyeing the pretty girls, reading any book, Henry Miller, a detective novel or a book about Spanish toreros. Later even school homework was dealt with lying on a bathing towel, in the din of the children who were shouting their special pool exclamations which were a hypnotic background noise to a mental activity which was directed at passing tests or just passing the time agreeably. Literature, especially novels, are great vehicles allowing the reader to live in another world. Not necessarily escaping from an unbearable reality, just randomly searching for a different virtual reality.

Then the student years were so full of pseudo-academic work and again a decade was gone. Being a teacher was not a bad profession, but it filled life with so much red tape and useless knowledge that there was little time for time philosophy or adventure. Being a dad twice took 25 years of my time in a most satisfying and sometimes also depressing way. Two marriages gave/give a lot of family time for which one is immensely grateful.

Getting retired marked a decisive step in the experience of time: Suddenly almost enough time for reading and writing, doing the garden and repairing the house! But thenthere arises the gruelling question: how to employ one’s last decade or so? If you want to know my answer, then ask me.

 

21.4.2017

 


 

 

Handkes „Versuch über den geglückten Tag“ (1994)

 

Diesen Text habe ich (erst) am 4.4.2017 gelesen. Schon der Autor machte sich skeptisch auf, dieses Phänomen zu erleben, den geglückten Tag. Es sei fast unmöglich, einen solchen zu erleben/zu definieren. Es wird dabei nicht so richtig klar, ob der Autor zu dieser Zeit allein lebt oder nicht. Das macht einen gewaltigen Unterschied. Allein lebend hätte man noch eher die Möglichkeit, auf die feinen Andeutungen zu achten, die die gemäss Handke ein geglückter Tag von sich geben würde. Für Autoren ist es vielleicht schon beim feinsinnigen Beschreiben der Umwelt möglich, Glücksgefühle zu erleben, in glücklichere Sphären vorzurücken.

Zu zweit könnte dies auch in gewissen Paarkonstellationen geschehen, in anderen nicht. Beim Lesen des Textes sagte ich mir, dass Handke wohl etwas gar zimperlich mit der Definition des „geglückten Tages“ umging. Aber das ist natürlich produktiv. Der Begriff könnte enger (oder weiter) gefasst, die zu beglückende Zeitspanne anders definiert werden. Also etwa „eine beglückende Zeit“, „glückliche Stunden“ oder „Glück und Zeit“. Dass wir aber zu oft scheitern, so etwas zu inszenieren, das ist für uns Menschen sonnenklar. Zu idealisiert ist die Vorgabe, ganz wenig genügt, um glückliche Phasen zu zerstören, zu viel Un-Gemaches dringt auf uns ein und hindert uns daran, einfach „Friede, Freude, Eierkuchen“ zu feiern.

Handke beschreibt so viele poetische, banale, schöne Momente, dass es ihm eigentlich durch eine einstweilige Verfügung verboten werden müsste zu behaupten, dass er nicht unendlich viele schöne Momente erlebt oder erlebt hat, auch wenn viele dieser Augen-Blicke vielleicht nicht ausgereicht haben, in seiner Sicht ihre jeweiligen Tage zu geglückten zu machen. Er gibt am Schluss seines Versuchs an, den geglückten Tag bewusst gemacht, also quasi hergestellt zu haben und dass ein solcher nur als Traum zu verstehen oder erklären sei.

 

4.4.2017

 


 

 

Puaj (Pfui) Espana y Suiza: FREE NEKANE!

 

Es ist unglaublich: in erster Instanz wurde das Auslieferungsbegehren des spanischen Staates an die Schweiz am 20. März positiv beantwortet. Nach fast einem Jahr Bedenkzeit fand man, „alle Voraussetzungen für eine Auslieferung seien gegeben.“

Damit geht der Kampf weiter. Die Mutter eines sechsjährigen Mädchens, früher linke Gemeinderätin im Baskenland wurde von den spanischen Behörden unter dem Vorwand, sie unterstütze die baskischen Separatisten (ETA) festgenommen, mit einer Scheinhinrichtung (!), mit Vergewaltigung und Folter unsäglich gequält. Sie floh dann in die Schweiz, lebte hier 8 Jahre im Untergrund, wurde am 16.4.2016 verhaftet und ist seither in Untersuchungshaft. Die Demo mit ca 600 Leuten am 24.3.16 verlief friedlich, es wurde aber lautstark protestiert, mit Feuerwerksknallern und Reden vor dem Bezirksgefängnis demonstriert und in einer Rede erneut die Freilassung von Nekane T. gefordert. Anitfaschistische, antikapitalistische und feministische Parolen waren zu hören. Die Polizei verhielt sich defensiv. Es gab vereinzelte Provokationen.

Am gleichen Tag wurde auch in Basel und Bern protestiert.

Amnesty hat Material gesammelt und Berichte über Folterungen in spanischen Gefängnissen gibt es viele. Im Zweifelsfall dürften Gewissensgefangene nicht ausgeliefert werden, wenn sie in ihrer Heimat durch Folter bedroht sind. Ein Mann wurde gleichzeitig verhaftet und ebenso gefoltert, er hat Aussagen gemacht, die sich mit denen von Nekane decken. Diese hat in der Schweiz auch ein Asylver-fahren laufen, hoffen wir, dass die Beamten da ein einsehen haben und die Bedrohte nicht einfach nur blind ausschaffen wollen.

Es muss andere Lösungen geben, Nekane könnte in einem Schweizer Gefängnis die „spanische Strafe“ absitzen und die Untersuchungshaft müsste voll angerechnet werden. Sodann müsste die Reststrafe erlassen werden und Nekane somit bald frei gelassen werden

 

26.3.2017

 


 

 

Déjà vu

 

Aelter werdend, geht es den Lebenden doch so: immer mehr kommt einem

bekannt vor, es gibt kaum noch wirklich Neues unter der Sonne. Wenn man

das noch weiter denkt und an Seelenwanderung glaubt, dann ist das ganze

Leben „déjà vu“. Vielleicht bis zum Tag, an dem die Liebe in unser Leben

einbricht und alles neu erscheint. Déjà vu: grosse Katastrophen, Kriege, in

denen Millionen von Unschuldigen (wofür? wem?) geopfert werden. Tier-

industrie für Massenfleischkonsum, schöne Landschaften, die durch Menschen-

hand zerstört werden. Grosse Ungerechtigkeit, Egoismus und Snobbismus der

Reichen: wie viel mehr davon kann es noch geben bis die Lebensgrundlagen

aller zerstört sind? Das Beispiel Fukushima ist ein déjà vu von Tschernobyl.

Es heisst es sei noch viel schlimmer! Freundesverrat, Gier, Hinterlist und

Betrugsmanöver. Politikergeschwafel. Das Irren der Kirchen und ihrer Verwalter.

Eheszenen—bittere Vorwürfe, Unverständnis, Abrechnungen. In der Kunst,

der Literatur: mit Ausnahmen die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Dégout, Ueberdruss kann sich einstellen, Lebensverdüsterung, Rückzug,

Verbitterung.

Aber natürlich gibt es auch Positives: Frühlingswerdung, noch gibt es Blumen,

Bienen. Manchmal Heuduft im Sommer. Ein weinendes, dann lachendes Kind.

Barockmusik, Mozart, Schubert, Beethoven. Meeresrauschen, Meeresbewohner

—aber nicht nur als Speisefisch!, Flow beim Arbeiten, Glücksgefühle beim

Rennen.

Und übrigens, Crosby, Stills, Nash und Neil Young haben 1970 ein Album

„Déjà vu“ getitelt. Sie singen: „I feel like if I had been here before“. Letzterer

hat sich dann aber jenseits von déjà-vus viel weiter entwickelt, hat sich nicht

begnügt damit, déjà-entendus zu produzieren, er ist immer wieder neu zu

entdecken. Seine „Crazy Horse“-Phase: unglaublich, jamais vu!

 

20.3.2017

 


 

Our child

 

So heisst das PC-Programm, das wir in der Computer-Frühzeit gekauft und später immer wieder mit leuchtenden Augen mit den Daten gefüttert haben, die unten ersichtlich sind. Wir haben auch immer die neusten Downloads ausgeführt, zuletzt die Version 7.8.1.23. Das Programm verhiess „perfektes Elternglück durch Parent-Management“ und das „programmierbare Glück des Kindes.“ Zuerst hatten die Angaben zur Person der Eltern zu erfolgen:

Mutter, 24, Lehrerin, blond-braune Haare, grün-goldene Augen, mässig sportlich, etwas verträumt (dies wurde nicht ins Programm eingegeben).

Vater, 26, Sachbearbeiter in einer guten Position. Schwarze Haare, von normaler Statur, erdbezogen, aber handwerklich unbegabt. Extrembergsteiger, ab 35 nicht-mehr-Raucher.

Gross war die Freude über das erste Kind, ein sonniger Junge. Bei der Geburt 53 cm lang, 4.6 kg wiegend, ein guter Durchschläfer, blond, verspielt, mildes Gemüt, unproblematisch zu erziehen, bis zu einem Unfall, der eine Abklärung im Kinder-spital nötig machte: Die Diagnose war unklar.

Er war ein guter Schüler, ein beliebter Kamerad, die üblichen Pubertätsprobleme, schlechte Freunde, heimliches Rauchen ab 14, trotzdem guter Handballer, zog er sich mehr und mehr in sein Zimmer zurück, hatte extreme PC-Sucht, war dann wieder ganze Abende, halbe Nächte unterwegs, (Alkoholkonsum und anderes, was eben seine Freunde auch nahmen), von seiner Mutter verzweifelt stundenlang, aber vergeblich gesucht. Eine erste erschreckende Psychose, Eintritt in die Psychiatrie, Flucht, Rückfälle in Drogenexzesse, Verlust der Freunde und Bekannten, Vereinsamung.

Erschüttert führten wir Eltern diese Details nach, organisierten uns in einer Selbsthilfegruppe, lasen alles, was es über diese Probleme gab, kontaktierten Ärzte, Psychiater, Schamanen und Naturheiler, alles umsonst. Schon etwas zweifelnd notierten wir noch den Namen der ersten Liebe unseres Sohnes, schon bald ging das in die Brüche, weitere Linien blieben im Programm in dieser Rubrik leer.

Er lernte alle psychiatrischen Zentren unserer Region kennen (und wir mit ihm bei Besuchen): Brandweid, Hohenfluh, Wannburg, Grünau und Brick. Dann gab es einen Versuch mit begleitetem Wohnen, der scheiterte, dann wieder Psychiatrie, dann eine im ersten Jahr abgebrochene Berufslehre, einige Monate eine eigene Wohnung (Rollläden immer verschlossen, Matratze am Boden, ein kleines Möbel aus dem Brockenhaus, herumliegende Kleider, Zigarettenschachteln). Wieder Psychiatrie. Dort Tod mit 28, an einer Überdosis von Drogenersatzstoff, Dosierung durch das Personal. Unsachgemässe Einnahme durch den Patienten?

Wir werden es nie wissen. Verlust des Programms Our child  im Computer bei einem Systemabsturz.

 

 19.3.2017

 


 

Alzheimer

 

Der Name dieser Krankheit, nach seinem Entdecker genannt, lässt

uns erschaudern, wenn wir an die Konsequenzen dieser möglichen

Entwicklung denken, die Gehirne zerstört. Wer das bei Bekannten oder

in der Familie erlebt hat, bekommt das Gruseln noch etwas stärker zu

spüren. Besuche in der Demenzabteilung einer Institution ergeben

Anschauungsmaterial, das uns zu denken gibt. Zum einen kann man

die unglaubliche Aufopferung von Pflegenden beobachten, seien es

Familienangehörige oder Profis. Da gibt’s einen Mann, der fast den

ganzen Tag weint, und immer dasselbe wiederholt. Ein anderer ist

stumm, lächelt die meiste Zeit, ist ansprechbar, sitzt den ganzen Tag

in der Runde mit den Frauen zusammen. Diese sind sehr unterschiedlich

unterwegs. Da ist eine, die den ganzen Tag schimpft, die anderen

beschimpft und nichts anderes mehr zustande bringt. Da sind die-

jenigen, die Bewegungsdrang haben, in der geschlossenen Abteilung

den ganzen Tag unterwegs sind, Runden drehen, aber auch noch

feinste Schwingungen der Gruppen- oder Einzeldynamik mitbekommen.

Und da war diese Frau, die allen immer Komplimente machte, aber

auch darauf hinwies, dass die Behandlung in der Abteilung schreck-

lich sei. Alle wollen in einer gewissen Phase abhauen, verständlich,

aber die Türen sind verschlossen. Das Unterhaltungsprogramm besteht

aus Animationsversuchen, dem Fernseher, der oft den ganzen Tag

läuft, obwohl niemand hinschaut und—grauenhaft—Volksmusik!

Ganz verschieden sind die Abbauphasen, es gibt Patienten, die noch

recht gut Dinge erinnern können, andere wissen die Namen der sie

Besuchenden nicht mehr.

Gerade neulich war zu lesen, an der ETH Zürich sei es gelungen, ein

vielversprechendes Mittel zu entwickeln, das in ein paar Jahren sehr

erfolgreiche Heilungschancen biete. Gestern auf dem Internet habe

ich einen Geschäftemacher abgehört, der behauptet, die Lösung für

das Problem gefunden zu haben. Zunächst verzapft er aber eine

Viertelstunde unnötiges Zeug. Dann gibt er an, dass Kokosnussöl Teil

einer Kur sei und der andere indische Küche, Gemüse und diverse

Zutaten, die Alzheimer heilen könnten, so wie seine eigene Frau und

andere, die sich als Versuchspersonen gemeldet hatten und davon

begeistert waren. Es müssten nur im Körper wieder vermehrt Ketone

gebildet werden und das Problem sei gelöst. Und mit einem Arzt

zusammen hat der Lehrer ein „Memory Repair Protocol“ geschaffen,

das die oben genannten indischen Zutaten enthält. Seine Glaub-

würdigkeit ist aber fraglich, weil er behauptet, die Pharmaindustrie

würde nur Mittel herstellen, die nicht helfen würden, sondern sogar

noch schadeten. Und seine Webseite sei in Gefahr, da auf der gegen-

seite ein Billion-Dollar-Geschäft nichts unversucht lassen werde, um

ihn vom Netz fernzuhalten.

 

5.2.2017

 


 

 

On love

 

Love/Liebe/amour/amor/amore—darüber ist nun weiss Gott schon genug geschrieben worden. Das stimmt, aber es ist halt doch so, dass vielen Autoren    die besten Texte zu diesem Thema gelungen sind. Der Fallstricke und Verwicklungen sind viele. Theorie und Ratgeberliteratur gibt es genug!                   Von Ovid über Shakespeare und Stendahl zu Nabokov finden wir in der Weltliteratur viele Vordenker. Aber alles ist umsonst, wenn es darum geht, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Nun hat sich aber mit Alain de Botton ein Zeitgenosse des Themas auf eine neue Weise angenommen. In seiner „Kritik der romantischen Liebe“ spricht er pragmatisch über Alltagsprobleme und Langzeit-beziehungen, was da meist nach den ewig gleichen Mustern schief läuft. Auf uTube findet sich diese höchst amüsante „Vorlesung“, die nur so trieft vor Ironie:

 

https://www.youtube.com/results?search_query=alain+de+botton+on+love

 

De Botton erklärt uns alle als Nachfahren und Opfer einer relativ jungen Idee, der romantischen Liebe. La Rochefoucault soll gesagt haben, dass „eine ganze Reihe von Leuten sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht von dieser Idee vorher gehört hätten.“ Seelenverwandte Wesen finden sich und erwarten, dass dadurch alle Probleme des Lebens gelöst wurden. Verliebte seien gefährlich, abnormal und    dieses Lebensgefühl sei ansteckend. Kritik in Beziehungen würde immer intensiver und die Betroffenen reagierten darauf mit Unverständnis, da niemand sonst solche Kritik am Betroffenen übe. Die Psychoanalyse sagt, die Liebe gebe uns Gefühle unserer Kindheit zurück. Es ist ein Problem in einer Beziehung „sich selbst sein zu wollen“, das müsse um jeden Preis vermieden werden, so de Botton. Auch sexuelle Ideen und Praktiken könnten sehr problematische Folgen für die Beziehung haben.

Ehrlichkeit und romantische Liebe seien natürliche Gegensätze. Kaugeräusche beim Morgenessen könnten bereits eine gehörige Missstimmung in den Tagesablauf der beiden Verliebten bringen. Die alten Griechen hätten eine viel bessere Ansicht über die Liebe gehabt, Liebe sei eine Anziehungskraft, Perfektion, Erfüllung und Pflichterfüllung gewesen. Man ist dann aber tolerant gegenüber Imperfektion, Andersartigkeit, Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit. Die romantische Liebe ist da ganz anders, es gibt nur die ganzheitliche Liebe, keine Fehler, eitel Sonnenschein in der Beziehung. Und die beiden Partner wissen dann nichts anderes, als einander zu erziehen nach dem vorgefassten Bild des Partners oder der Partnerin. „Why are we such bad hysterical teachers in love?“ De Botton hat die Antworten, tongue-in-cheek. Wir müssen die Liebe neu erfinden, mit einem „therapeutischen Gerüst“ und einem neuen „Kurrikulum der Liebe“: Partner sollten sich wie Kinder behandeln da wir alle ja im Innersten Kinder seien. Alles was nötig ist gemäss de Botton: Wir sollten grosszügig sein gegenüber unseren Partnern und den Königsweg beschreiten: Humor ist lebenswichtig für die Liebe und unsere Geliebten als   „loveable idiots“. Pessimismus sei angebracht und die viel bessere Strategie als immer nur romantisch zu turteln.

 

 22.2.2017

 

 


 

 

Ironie und Paradox

 

Irgendwann in Literaturstudien befasst man sich mal mit rhetorischen

Figuren. Faszinierend, aus antiken Zeiten kommen die her, die Griechen

und Römer kannten sie schon. Es gibt Dutzende, man muss nicht alle

kennen oder schon gar nicht alle verwenden. Die Ironie allein ist jedoch

schon eine ganz patente Sache. Die Steigerungsformen Sarkasmus und

Zynismus sind oft auch befreiend, aber nicht so subtil. Ungebildete oder

junge Menschen verstehen die Ironie oft nicht. Ja eben, weil ja genau das

Gegenteil dessen gesagt wird, was gemeint ist. Nur der Ton, der Blick

oder eine Geste der sprechenden Person zeigt an, dass die Aussage

ironisch gemeint ist. Der Ironiker bespöttelt etwas, zeigt gleichzeitig an,

dass er nicht das kritisierte Problem hat, steht etwas abseits oder erhöht

und betrachtet amüsiert die Bespotteten. Comedy und Kleinkunst leben

davon, Satire ebenso, auch Witze und andere Humorformen bedienen sich

seiner. Die Krone der Wirkung erzielt aber der Miteinbezug der ironi-

sierenden Person. Mladen Dolar hat folgendes Beispiel zitiert:

„Nietzsche: Gott ist tot. Gott: Nietzsche ist tot. Gott: Und ich fühle mich

auch schon nicht so gut.“ (göttliche Selbstironie)

Einen schönen Präsidenten haben sie da gewählt in den USA. Er scheint

nicht ironiefähig zu sein, versteht solche nicht, sein Zorn könnte sich

dadurch erklären.

Das Paradoxon (griechisch) meint eine Aussage, die der landläufigen

Meinung widerspricht. Oscar Wilde war ein Meister des Fachs. Hier

Beispiele: „Zeit ist Geldverschwendung“, „Wir leben in einer Zeit, in der

unnötige Dinge unsere einzigen Notwendigkeiten darstellen.“

„So paradox dies scheinen mag: es ist nichtsdestotrotz wahr, dass das

Leben die Kunst viel stärker imitiert als umgekehrt.“ „In dieser Welt gibt

es nur zwei Tragödien. Die eine ist nicht das zu finden, was man sucht,

und die andere ist es zu bekommen.“

Der grosse Nietzsche, zehn Jahre früher geboren als Wilde, beide

verstarben 1900, war gleichzeitig damit beschäftigt, „die Werte umzu-

werten“, in Jenseits von Gut und Böse und in der Genealogie der Moral

verwendete er neben Ironie auch Paradoxe. Er wagte es, das Gegen-

teil der üblichen Annahmen zu treffen und stiess so auf unerhörte neue

Erkenntnisse. Er tat dies fast rauschhaft, mit grossem Ernst, aber auch

mit einer guten Prise Humor (Kein Paradox, gemäss Nietzsche).

„Die liebliche Bestie Mensch...“ ist eine fast zu nette Umschreibung

des menschlichen Wesens. Nietzsches Nihilismus ist an sich ein Paradox:

„Die Abwesenheit von Bedeutung bekommt trotz allem eine Bedeutung.“

(Hegarty)

 

20.2.2017

 


 

 

„Halt auf Verlangen: ein Fahrtenbuch“ Urs Faes 2017

 

Dieser sehr persönliche Text, der auf eine Art eine Lebensbilanz zieht, ist auch ein Vermächtnis darüber, wie eine Lebenskrise schreibend vielleicht besser bewältigt werden kann. Mit Lyrik, Selbstironie und Humor schafft es der Autor, das Unabwendbare zu bewältigen. Schicksalshafte Tramfahrten sind der äussere Rahmen, Erinnerungen der Inhalt dieses dichten Gewebes, mehrere Zeitebenen gut verwoben, Schnitte, die überzeugen, fast filmisch wirken. Autobiographisch ist vieles und läuft auf zwei Schienen: Wie aus einer anderen Welt, Tramfahrten mit dem Vater des Erzählers, im ländlichen Bereich, mit Ortsnamen, die sich Kennern der Autor-Biografie leicht erschliessen, aber fiktiv sind. Dieser war Tramführer und tragisch Verstummter, der nur noch hustete und 16 Jahre im Bett lag. Der kleine Bruder des Erzählers nennt ihn darum „Vaterfisch“, der „Kleine“, leicht behindertes Kind, das aber oft das Richtige sagt oder tut. Dann auf 40 Tramfahrten zur onkologischen Bestrahlung an der Klinik Balgrist am anderen Ende der Stadt. Gegen siebzig, sieht sich der Autor-Erzähler mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Die Strahlentherapie konzentriert sich auf ein „Killing Field“ auf der Bauchgegend. Die Fahrten dahin sind von erhöhter Aufmerksamkeit geprägt. Er empfindet die Mitreisenden fast ausschliesslich in ihre Smart-Phones und Tablets vertieft, bemerkt noch einen anderen Bücher Lesenden, fast anachronistisch, so scheint es ihm bedauernd.

Seine Erinnerungen, die Geschichten von Frauenbekanntschaften und Beziehungen aus dem ganzen Leben, auch in seinen Romanen teilweise fiktiv bearbeitet, sind in einer solchen Situation ein Gegengewicht gegen die medizinische Einöde, ein Palliativ gegen den Weltschmerz und die konkrete Bedrohung durch die Krankheit, mit 70% oder 85% Heilungschancen, wenn ein zusätzliches Antimittel mit vielen Nebenwirkungen eingenommen wird. Das Trauma des zu oft Verlassenen kommt immer wieder zum Ausdruck. Gleichzeitig aber ist das Verlangen nach Zweisamkeit und Erfüllung in Anbetracht der lebensbedrohlichen  Situation ungebrochen, die Erinnerungen brechen immer wieder auf. Das (ewig) Weibliche ist dabei das „Trostelement“ im Männerleben, auch und gerade in schwierigen Lebensphasen wie hier beim Erzähler. Die Erinnerung an erste Liebe, gemeinsame Kinobesuche und Zeiten oder Nächte des Zusammenseins ergibt ein leidenschaftliches Liebesalphabet, wobei die Namen Mile (Emilie) und Meret sogar den gleichen Anfangsbuchstaben haben und manchmal fast austauschbar scheinen. Allesamt sind die Gefährtinnen, Partnerinnen, Verehrten und Geliebten doch eine kleine Schar, aber es sind nicht unüberschaubar viele.

In der Abteilung für Onkologie im 2. UG im Balgrist sind die Pflegenden dann unter „Frau Abiszett“ witzig zusammengefasst, anonymer als im Leben ausserhalb der Spitalmauern, auch austauschbar und minimale Projektionsflächen für das männliche Begehren nach weiblicher Gesellschaft, aber auch Wesen, die besondere Merkmale aufweisen, den Sensiblen sanft oder dann auch mal ungeduldig anfassen, die Haare mal hochgesteckt, dann wieder nicht, Augenpaare, weisse Berufskleidung und nur einmal sind es Männer, welche die Bestrahlung durchführen. Die Thematik der onkologischen Behandlung war schon in „Paarbildung“ (2010) das Thema, aus Interesse an der Kommunikationsqualität bei Behandlungen, und jetzt betrifft es den Erzähler selbst.

Dies ist ein wunderbares, zutiefst menschliches Buch, ein Versuch, Krankheit und Verlust schreibend zu therapieren und auf diskrete Weise unaufdringlich Bilanz zu ziehen.  Das „Fahrtenbuch“ ist auch ein „Fährtenbuch“, die Spurensuche nach fiktiven Verarbeitungen ist gut angelegt im Text. Nach Erlebnis, fiktiver Darstellung hier ein drittes Mal die Liebe besingen und gleichzeitig eine Anklage gegen die Fragilität des menschlichen Daseins einbringen ist schon bewegend und unvergleichlich.

 

3.2.2017

 


 

 

Hommage à Alex Sadkovsky (13.1.2017)

 

Vita

Alex Sadkowsky wurde 1934 in Zürich geboren. Er ist Multimediaschaffender: Malerei, Zeichnung, Radierung, Lithografie, Grafik, Fotografie, Film, Skulptur, Texten,

Prosa und Lyrik. 1967 zog Alex Sadkovsky mit Familie an den Lindenhof in Zürich.

Heirat mit Sonja 1957. Schweizerbürgerrecht 1969. Lange Aufenthalte und Reisen

in Spanien, Indien, Irland, England, Italien, Türkei, Griechenland, Russland (mit Max Frisch), Mexico, USA, Guatemala, Deutschland, Portugal, Burma und Thailand.

Zahllose Ausstellungen u.a. eine Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich, Lesungen aus seinem Prosa- und Lyrikwerk.

 

Werke

„The Song of the Police“ 1962

„Kofferraum der Welt“ 1971

„Foto-Bio-Kultografie 1“ 1975

„Metamorphosen der Wirklichkeit“ (Monografie über AS) 1980

„Frauenleben 1“ 1980

„Der Titel“ 1991

„Foto-Bio-Kultografie 2“ 2009

 

Die „Chinesische Wespe“ ist eine grosse Romantetralogie. Sie umfasst ca. 2000 Seiten. Band 1 2002 Band 2 2004 Band 3 2007 (?). Ein vierter Band war geplant,

wird aber nicht mehr erscheinen.

 

„Die Munterkeit des Galans auf dem Glatteis“ (Gedichte) 1992

„Ich warte auf den ewigen Sommer (Gedichte) 2007

„Lindenhof“ Gedichte und Kurzprosa 2010

„Der Titel II, EIN TITELROMAN“ 2014

 

Motto

Jeden Tag stelle ich meinen sieben Fenstern eine Frage. Schon öffnen sie sich und wärest du zugegen, dein Herz würde Sternen.

Dada-Gedicht (AS nennt es „ein firmeninternes Weihelied“):

 

Bru lef tolohu,

Sring kran fig tot rumuu,

Regnleim zi delpo rung,

Zwak kruni pino bung,

Lamgor uz fla vrala,

Trum zignall lu rara.


Die chinesische Wespe 2, S. 89

 

Bildschaffen

 

www.alexsadkowsky.ch

 

Music (by Zurich musicians):

 

Wolfman

Fai Baba

 


 

Liebesjahre (2011)

 

Obviously the couple who got divorced ten years ago are ill at ease with each other on the day when they are going to sell their former home, in which they had raised two daughters. Vera (Iris Berben) plays the role of a woman who is totally disillusioned superbly well. Her sarcasm gives those viewers the shivers who have gone through similar experiences themselves. Her ex- husband Uli (Peter Simonischek) a run-down and not-so successful architect would like to come to terms or even romanticize their long-gone marriage years, but is a bit naive and clumsy. He brought along his new partner Johanna (Nina Kunzenberg) a medical doctor from a well-to-do family. Uli had not mentioned his new marriage with much younger Johanna to his ex-wife. So Eva really dislikes her from the start. Eva did not want her new companion Darius to show up but he did, " to support her". Both work in a theater. Uli has strange ideas about removing all the old furniture from the huge house and Johanna refuses to go along with this, especially when he wanted to save Eva's wedding dress as well.

 

Written for IMdB

 

11.1.2017

 


 

Black, then „White“

 

They had Bushes, then Obama and now this... American presidency elected Clinton, but the unequal weighting of the votes brought this result which we still can’t believe became true. Malapportionment has happened in the 2016 elections, Russian interference, media moguls churning out lies in their media more massively than ever. Black, then white. Dirty white. Even before that guy starts he has broken so much glass, that four years would not suffice to clean up the mess. It’s as if Obama’s politics were in colour and now it’s back to black and white! One hates to even type/say his name! Despite the Republicans’ preventing great Obama ideas in both houses of parliament, obstructing and gerrymandering whatever he came up with, his achievements at the end of the day are more than this oligarch giant dwarf can even understand. In December 2016 unemployment fell to a nine-year-low of 4,6%. This was hardly mentioned in the news.

In the book of faces of the American presidents on Mount Rushmore Obama would deserve a fine portrait, his successor not even a pebble. Obamacare shows that this president really cared about the well-being of the American people. He believes in change management: „Change requires more than just righteous anger. It requires a program and organizing.“ That he continued warfare in half a dozen countries and chickening out of the Syrian problem are his greatest flaws.

Regarding Trump: His physiognomy clearly shows the outflow of hatespeech, regardless of what he says. Meryl Street is right: „Disrespect invites disrespect. Violence incites violence. When the powerful use their position to bully others, we all lose.“ He then calling her „one of the most overrated actresses.“ His only quali-fication for delivering this judgement are his own appearances in a tv series.

 

10.1.2017

 


 

 

Die „Fröhliche Wissenschaft“/Kunst

 

Was tönt wie ein Widerspruch, ein Paradox ist eine Idee,

die aus Nietzsches Feder stammt: „la gaya scienza“ ist

ursprünglich eine Bezeichnung, die mit „the art of poetry-

writing“ übersetzt werden könnte. Wir können den Titel

aber auch als ein Beispiel für die „Umwertung aller Werte“

bei Nietzsche nehmen. Er nannte es „sein persönlichstes

Buch“.

Die Wissenschaft hat sich seit jeher mit Seriosität gebrüstet,

Ernsthaftigkeit ist ihre Kardinaltugend. Humor gilt als das

Gegenteil der Wissenschaftlichkeit, aber nicht bei Nietzsche.

Vielleicht ist Humor sogar die wichtigere Disziplin für die

Menschen. Fröhliche Wissenschaftler? Ausser Einstein fällt

mir gerade keiner ein und auch er blickt meistens grimmig

hinter seinem Schnauz hervor, wie übrigens Nietzsche auch.

In der Frühzeit der Fotografie und in der ersten Hälfte

des 20. Jahrhunderts gab es den Zwang zum Fotolächeln

noch nicht, die Würde gebot es, streng oder zumindest

ernsthaft dreinzuschauen.

Folgendes Motto ist dem Buch (1862, 1867) vorangestellt:

„Ich wohne in meinem eigenen Haus,

Hab niemandem was nachgemacht

Und—lachte noch jeden Meister aus

Der nicht sich selber ausgelacht.

(Über meiner Haustür)“
Überhaupt: das Lachen, ein dionysisches Grinsen bei

Nietzsche, ein zarathustrisches Lächeln, ein Lachen,

das an den Berghängen im Engadin wohl widerhallte.

Ernsthafte Wissenschaft (übrigens auch Kunst, Religion)

hat mit Humor nichts zu schaffen, ja dieser ist geradezu

die Aufhebung seriösen Forschens, Kunstschaffens oder

Glaubens. Also fast ein Ding des Teufels.

Wir können davon ausgehen, dass Nietzsche zwar als

Philosoph durchaus wissenschaftlich arbeiten konnte, dass

es ihm aber in der hergebrachten Form nicht zusagte.

Im Vorwort zur zweiten Ausgaben (1867) witzelte er:

„Wir sind keine denkenden Frösche...“ Auch die Kunst kam

ihm zu verklemmt daher. Und er schreibt, dass „wenn wir

Genesenden überhaupt eine Kunst noch brauchen, so ist

es eine a n d r e Kunst—eine spöttische, leichte, flüchtige,

göttlich unbehelligte, göttlich künstliche Kunst, welche wie

eine helle Flamme in einen unbewölkten Himmel hinein

lodert! Vor allem eine Kunst für Künstler, nur für Künstler.

Wir verstehen uns hinterdrein besser aus das, was d a z u

zuerst not tut, die Heiterkeit, j e d e  Heiterkeit, meine

Freunde, auch als Künstler...“. Vielleicht schwante Nietzsche

so was wie Dadaismus vor. Aber auf jeden Fall ist freudloses

Wirken abzulehnen: „Lieber zugrunde gehen wollen,

als ohne Lust an der Arbeit zu arbeiten.“ Das ist

alles. Danke Friedrich! Und posthum soll ihm der

Orden wider den tierischen Ernst verliehen werden.

7.1.2017

 


 

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